Editorial - Neubrandenburg

Hashtag Whatever

Hashtag Whatever

Ich bin jetzt bei Instagram und fühle mich ganz plötzlich fünfzig Jahre älter, wie ein schwerhöriger und sehbehinderter Mann. Meine Gelenke knacken, während ich ein Herz-Emoji nach dem anderen eingebe und meine DMs checke. Ich dachte immer, das sei eine Drogeriekette?! 

Bis vor Kurzem war ich noch in dem Alter, in dem man sich darüber lustig gemacht hat, wenn die Eltern und Großeltern der Meinung waren, dass ein Hashtag eine 24-Stunden-Demo zur Legalisierung von Cannabis sei. Jetzt habe ich die Seiten gewechselt und bin selber verwirrt. Ich starre wartend auf’s blaue Licht meines Displays. „Da muss doch was passieren? Alle reden davon!“ Nein, da passiert eben nichts. Nichts, das im realen Leben viel cooler wäre. Kann man da mit seiner besten Freundin durch den Regen tanzen? Nein, aber du kannst dir Bilder von anderen tanzenden Menschen bei Niederschlag ansehen. 

Herrlich.

Kann man da jemanden umarmen und ihm oder ihr „ich hab dich lieb!“ ins Ohr hauchen? Nein, kann man nicht. Man kann aber ganz toll Herzen vergeben. Eine Daumenbewegung, Eins Komma Sechs Sekunden Investment für Leute, die ich eigentlich ganz cool finde. Kann mir das mal jemand erklären? Und kann mir vielleicht jemand erklären, was es mit diesen Stories auf sich hat? Zu meiner Zeit hießen Stories noch „Videos, die man geschickt bekommt, aber sofort löscht, weil sie kein Schwein interessieren und Speicherplatz klauen“. Es scheint, als benötige ich noch etwas Zeit, um durchzusehen, was die Insta-Sekte da  eigentlich von mir will. Ich geh jetzt an den @strand. Bringt #bier mit! Das #handy kann @zuhause bleiben!

Euer Martin

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