piste Hamburg 01/2018

014 PISTE.DE LIFESTYLE | INTERVIEW HAIYTI EINE FRAU, EIN NEUES ALBUM UND EIN BISSCHEN GEGENWIND Am 12. Januar erscheint die neue Platte von Haiyti: „Montenegro Zero“. Das Album entstand in Zusammenarbeit mit dem Berliner Produzentenkollektiv KitschKrieg, das u.a. mit Trettmann, Beginner und Bonez MC gemeinsame Sachen macht. Es sind zwölf Songs, die vor Ideen bersten, aber von einem stringenten Vibe geprägt sind. Hier werden Einflüsse von Dancehall bis Deut- sche Welle verarbeitet – und diese klingen einzigartig: einerseits hell, bunt und kaputt, aber auch wunderschön. Wir treffen Haiyti zum exklusiven Interview in der Hamburger HafenCity. Der Raum des Hotels ist getreu dem Motto „Urban Music“ mit Vinylplatten dekoriert – ein idealer Ort also, um übers Singen zu sprechen. Draußen regnet es, wie so oft in Hamburg, als eine zierliche und eher unscheinbare Person durch die Glastür kommt. Zur Begrüßung gibt es ein schüchternes „Hallo, freut mich“. So zurückhaltend und vorsichtig haben wir die Sängerin von „Bitches“, die sonst mit nervigen Widersacher musikalisch abrechnet, nicht erwartet. Doch was sollte man von Haiyti erwarten? Eine Persönlichkeit, die von sich behauptet schwer einordbar zu sein. Wir sind neugierig und fragen nach. ZURÜCK IN DEINE VERGANGENHEIT: WELCHEN BERUFSWUNSCH HATTEST DU ALS KIND? Meeresbiologin, ich bin als Kind viel getaucht und mag Meerestiere. Jedoch war ich weit davon entfernt, auf dem regulären Weg das Abitur zu schaffen. Erst durch die Bildende Kunst hat es mit dem Bachelor geklappt. Der Master ist zwar in Planung, aber realistisch gesehen, wird es wohl nichts mehr wer- den. Dafür mache ich nebenher zu viele andere Sachen. WANN HAST DU DICH AUF EINE MUSIKKARRIERE KONZENTRIERT? Ich habe schon immer Musik gemacht. Für mich bedeutet eine Rap-Karriere so etwas wie: raus aus dem Jugendknast, Albumaufnahme, Rap-Star mit 20 Jahren. Der Fokus für die eigene Musik war immer da – als mich jemand motivierte, endlich ein Album zu machen, gab es plötzlich einen Rahmen für den Wahn- sinn. Nachdem ich das fertige Album in den Händen hielt, wurde es abge- lehnt – denn es gab bereits eine Rapperin: Schwesta Ewa. Erst als ich Asad John auf SoundCloud rappen hörte, wurde der Drang geweckt, aktiver zu werden. Ich nahm Kontakt zu ihm auf. Und dann machte ich mit Live From Earth ein Video und mein erstes Album wurde dort im Shop angeboten. Irgendwann wurde es wieder rausgenommen und der damalige Erfolgt ver- flüchtigte sich. Dann gewann ich den Nachwuchspreis „Krach und Getöse“ in Hamburg, bekam ein Jahr lang Hilfe und wurde beim Vermarkten meines selbst veröffentlichten Albums unterstützt. Der zuletzt beschriebene Weg hat insgesamt zwei Jahre gedauert, deswegen nehme ich die Musik auch nicht als steile Karriere wahr. DU HAST DEIN BACHELOR AN DER HFBK HAMBURG GEMACHT. WAS BRACHTE DICH DAZU BEI DER MUSIK ZU BLEIBEN UND DICH NICHT, WIE GELERNT, ÜBER DEINE PLASTIKEN AUSZUDRÜCKEN? Das war eigentlich mein erster Plan. Ich war sehr engagiert und habe sogar an Weihnachten in der Uni meine Kunst gemacht. Als meine Anträge auf Stipendium zweimal abgelehnt wurde und ich sah wer es bekam, wurde ich sauer und war enttäuscht. Mein Professor Werner Büttner, aus dessen Schule auch Jonathan Meese kommt, fragte mich eins wie man mich vor 30 berühmt machen kann. Möglicherweise ging das mit der Bildenden Kunst langsamer als mit der Musik, so dass ich mich dem Einen nun mehr widme. Ich bleibe dem dennoch treu: Male, gestalte meine Covers selbst oder auch meine Videos. Nicht aus technischer Sicht aber die Inszenierung, das bin alles ich. KANNST DU UNS DEINEN KREATIVEN PROZESS BESCHREIBEN? Da denke ich gar nicht drüber nach. Es existiert immer eine Idee als Leitfa- den und drum herum werden aus einem Bild zig weitere gebaut. WIRST DU FÜR DIE EHER GERINGE KOOPERATION IN DER BRANCHE KRITISIERT? Ja, das ist die größte Kritik, die ich bekomme. Andererseits mache ich z.B. die Musikvideos nicht allein und muss dadurch mit anderen kooperieren. Wie z.B. beim Schnitt meines zuletzt in Kroatien gedrehten Videos. WIE GEHST DU ALLGEMEIN MIT KRITIK UM? Mit steigender Popularität kommen immer mehr Leute auf Einen zu, die Sachen nicht gut finden. Das merke ich erst jetzt sehr extrem, gerade bei dem kürzlich veröffentlichen Video ‚Mafioso’ des neuen Albums. Hater-Kom- mentare gibt es eigentlich unter jedem Video. Es ploppt nun mal auch bei Leuten auf, die kein Bock auf meine Musik haben. Ich würde diese Men- schen gerne treffen, denn ins Gesicht würden sie es einem nie sagen. Als Künstler ist man meist auch abgeschottet, lebt in einer Blase wo man zumeist denen begegnet die die gleichen Gedanken teilen. Neid ist bei einer per- sönlichen Kritik immer ein großer Faktor. Aber auch das ist ein Teil der Gesellschaft, mit dem ich lernen muss zurecht zu kommen. WIE GEHST DU MIT DER NEUEN POPULARITÄT UM? Ganz neu ist mir die Popularität nicht, zumindest fühlt sich das nicht neu an. Bei mir passiert alles in einer anderen Geschwindigkeit: Es ist zeitversetzt und sehr langsam. Es gab nie diesen Fame-Effekt. Boom! Man ist reich. Boom! Plötzlich ist alles ganz anders. Selbst Rock am Ring habe ich nicht richtig wahrgenommen. Das Gefühl, dabei gewesen zu sein, kommt erst jetzt nach und nach. Fortsetzung auf Seite 016 © Tim Brüning

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