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Review: YAENNIVER - NACKT

Review: YAENNIVER - NACKT


Eintrag vom 21.01.2022 - Stand: 21.01.2022 13:06

„Die Wahrheit über mich gibt es hundertmal und seitenlang - Ihr wisst eh längst alles, es gibt nichts, was ich noch beichten kann“

 

YAENNIVER aka Jennifer Weist, Frontfrau von Jennifer Rostock zieht sich aus. Für ihr erstes Soloalbum macht sie sich wortwörtlich nackt, doch ob das heißt, dass wir bisher unbekannte Facetten von der gebürtigen Wolgasterin kennenlernen? Let's see (and listen)!

 

Mit der ersten Singleauskopplung „Intro“ starten wir ins Album. Die „Hengstin“ wird warm, transformiert zu YAENNIVER. Selbstbewusster Sprechgesang und Text, der provoziert. Die Musikerin lehnt sich gegen Hass auf – nicht zum letzten Mal auf dem Album. Starke Bässe definieren den Sound und schaffen einen urbanen Hip Hop-Vibe. Mitgewirkt an dem Stück haben übrigens Jen Bender und Raphael Schalz, auch bekannt als Grossstadtgeflüster. Die Band war zuvor schon an dem Track „Hengstin“ beteiligt. Nach dem energiegeladenen INTRO gönnt uns Frau Weist eine kurze Atempause. „Halb so ich“, eine weitere Singleauskopplung, kommt fast brav daher und plädiert im Schlagerpop-Gewand für Selbstbewusstsein und das Annehmen der eigenen Macken und Kanten.

 



 

Direkt im Anschluss folgen die Tracks „Allergisch“ und „Ich f**ke jeden“. Zweiterer bedient sich lässigen Old School Hip Hop Sounds. Es folgt ein Text wie eine Ode an Polyamorie und freie Entfaltung der eigenen Sexualität. Sexual Positivity! Mit dem Track „Mädchen Mädchen“ liefert YAENNIVER das wohl coolste Feature des Jahres: Luci van Org, die in den 90ern unter dem Synonym Lucilectric den gleichnamigen (und hier gesampleten) Song performte, gibt sich die Ehre. Die Frauen berichten von Zuständen, die für viele Frauen Normalität darstellen: Sexualisierte Gewalt oder auch die Angst vor K.O.-Tropfen im Club:

 

„Hand auf's Glas, wenn ich feiern geh, weil ich ein Mädchen bin (…) Pass ich immer auf, ist ja kein Problem, ist ja mein Problem. Hand am Arsch, wenn ich feiern geh, weil ich ein Mädchen bin (…) bin ja selber Schuld, wenn ich mich beweg, wie ich mich beweg.“

 

Nach dem Highlight folgt das Lowlight - „Kifferin“. Der sechste Track ist nicht nur in seiner Aussage mehr als fragwürdig, sondern auch musikalisch eines der schwächeren Stücke. Im siebten Lied nimmt die Sängerin wieder Fahrt auf, „Energie“ enthält mitreißende Strophen, allerdings auch einen Refrain, in dem YAENNIVER wie eine überdrehte Megaphonvariante von Herbert Grönemeyer klingt. Da hat jemand die extrastarken Batterien eingelegt. Im nächsten Track „For Real“ folgt ein weiteres Feature. Der in Toronto geborene und in Berlin lebende Rapper Sway Clarke liefert englischsprachige Lines zu Jennifers deutschen Vocals. Es geht um Onlinedating, Fakeprofile, Dick Pics. Ganz nett, aber auch ziemlich belanglos. Ähnlich läuft's in den darauf folgenden Drei-Minütern „Finger auf die Lippen“ und „Sag deiner Freundin“ - Es geht um Sex, der selbstbewusste oder fremdbestimmte Umgang damit. Textlich wird in beiden Fällen aber nur an der Oberfläche gekratzt; irgendwie haben wir das alles schon mal gehört – vielleicht sogar bei Jennifer Rostock?

 

NACKT“ ist eine spannende bunte Sammlung aus diversen Genres und Themen, ohne einem roten Faden zu folgen. YAENNIVER zeigt, dass sie offen für alles ist und alles bedienen kann, wenn sie Bock darauf hat. Wir hören eine Frau, die Kanten hast und sie gerne zeigt; eine Frau, die ihre Vergangenheit umarmt und daraus Neues und noch Schöneres formt. Ihr erstes Studioalbum ist in der Mitte der Playlist eine reine Berg- und Talfahrt und dennoch ein guter Start in die Solokarriere.

(T: MF, F: Viktor Schanz / Sony Music)

 

4 von 5 piste-Männchen für

YAENNIVER – NACKT

erscheint am 18. Februar

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