piste Lübeck 10/2017
PORTRAIT 010 PISTE.DE Fotos: gg Zwischen Diplom-Modell und Fundstücken aus Altbauten entstehen Ideen – und hier wurden die Kinder groß. NICOLA PETEREIT: DENKMALSCHUTZ ALS BEFREIENDES KORSETT ALTSTADT IM HERZEN Nein, vorbelastet sei sie nicht ge- wesen, als sie in Aachen anfing, Architektur zu studieren „Es war ein- fach zufällig der richtige Entschluss mit 19, wenn man eigentlich gar nicht weiß, was man machen will.“ Die Frau, die derzeit für die Sanie- rung des Johanneums die Fäden in der Hand hält, wollte eigentlich neue Architekten ausbilden. Aber dann kündigte sich das zweite Kind an – der älteste Sohn kam während des Studiums zur Welt. Und weil sie ihrem Mann damals etwas helfen wollte, „habe ich die vier Erzie- hungsurlaube bisher noch nicht neh- men können.“ Sie saniert Altstadthäuser. „An- gefangen hat das mit unserem Hexenhäuschen in der Fleischhau- erstraße“, berichtet sie. Aus ihrem eigenen Projekt wurde ihre Spezia- lisierung. „Und das, obwohl wir im Studium nie ir- gendetwas in der Richtung gemacht haben.“ Ein Rathausneubau, eine Musikhalle – das war es, womit sie sich damals beschäftigte: „Aber zwei Jahre lang das selbe Haus ansehen und fünfhun- dert Türen bedenken – das ist es nicht. Bei uns gibt‘s jede Tür in der Regel nur einmal.“ Sie beschränkt sich fast ausschließ- lich auf Lübeck und auf die Sanie- rung von Altbauten. „Das ist ein Korsett, aber das hilft auch bei der Arbeit.“ Von den hundert richtigen und tausend falschen Antworten der Architektur auf eine Frage fallen da schon mal eine Menge weg. „Innen- stadtbewohner haben da als Auf- traggeber eine entspannte Grund- haltung.“ Und sie sorgt sich darum, dass Lübeck lebendig bleibt: „Mir ist es wichtig, dass Inhalt und Hül- le zusammenpassen, dass hier ge- lebt und gearbeitet wird.“ In dem Sinne findet sie das entstehende Gründungsviertel spannend: „An einzelne Verirrungen wird man sich in zwanzig Jahren gewöhnt haben, aber die Struktur ist ein guter Maß- stab für die Stadt.“ Stolz ist sie auf Objekte, bei denen sie auch in der Projektentwicklung dabei war: Das „Parkhaus“ gehört dazu genau wie das The- ater Combinale. „Auf dem Markt sitzen, Pommes essen und dabei das Arkaden-Café sehen, das ist schon toll“, findet sie. „Ein bisschen sorgen wir ja auch für unsere eigene Lebensqualität. Wir machen unsere eigene Umgebung schöner.“ Eins wusste Nicola Petereit nach ihrem Architektur- studium genau: Sie wird sich sicher nie selbstständig machen und wenn, dann nicht als Architektin. Auf jeden Fall würde sie nie mit ihrem Mann zusammen im Architektenbüro sitzen. Nun kommt alles meistens anders als man denkt und das ist ein Glück für Lübeck. Denn immerhin sorgt sie mit dafür, dass die Stadt ihren Charme behält ohne Museum zu werden.
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