piste Hamburg 08/2018

026 PISTE.DE KULTUR | INTERVIEW DEINE KARRIERE IST SEHR BEEINDRUCKEND. KOMMST DU AUS DER KLASSISCHEN HIPHOP-RICHTUNG? Ja, genau. Ich hing mit iLLo The Shit, Samy Deluxe und den ganzen Jungs aus der Gegend rum. Irgendwann kam die logische Entscheidung, dass ich Beats mache und meinen Beitrag zur Musik beisteuere. Wir haben viel zusammen- gearbeitet, unter anderem das Album „Wer, wenn nicht Ich“ von iLLo produ- ziert. Irgendwann ging das alles auseinander. Ich gründete mein eigenes Tonstudio und machte nur HipHop. Dann wollte ich etwas anderes machen. Probierte mich im Pop-Bereich und machte eine Ausbildung zum Kameramann. Ich bemerkte, dass ich lieber meine eigenen Projekte mache. Die Pause tat gut, so konnte ich mit frischer Energie neu anfangen Mucke zu machen mit meinem Studiopartner Tayfun/Typhoon, fokussiert auf Newcomer. WARUM GING ES AUSEINANDER? Weil Samy sein Hamburgs Finest Label auflöste, um sich wieder auf seine Sachen zu konzentrieren. Danach arbeiteten iLLo und ich weiter zusammen. Wir gründeten ein Studio in der Sternstraße, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Jeder schlug seinen eigenen Weg ein. Ab und zu braucht man neue Impulse, um sich weiter zu entwickeln. AUCH WIEDER HIER AUS DER ECKE? Richtig, Reeperbahn, St. Pauli. Im Moment ist es unglaublich. Wir bekommen bestimmt 20 bis 30 E-Mails pro Woche von Leuten die Rappen und fragen, ob wir ihnen helfen können. Eigentlich würde ich gerne alle unterstützen und produzieren, dies ist zeitlich leider nicht machbar. Derzeit kümmern wir uns um drei, vier Künstler. Das ist schon heftig. WIE HABT IHR DIE KENNENGELERNT. HABEN DIE SICH PER MAIL BEI EUCH GEMELDET? Die Jungs bei mir kenne ich vom Hören-Sagen. Ich verlasse mich auf Empfeh- lungen meiner Freunde. Wenn ich ein paar Sachen von den Jungs gehört habe, lade ich sie ins Studio ein und probiere Songs mit ihnen aus. ABER DU HAST JETZT KEIN EIGENES LABEL? Doch, ich gründete mit meinem Manager Florian Pongs mein eigenes Label, Raposa Records, aber das ist alles noch sehr klein und fängt gerade erst an zu laufen. Bis jetzt sind bei uns gesigned: Booz, loyal Bandits, keyo & Layemi. VERDIENT MAN IN DER MUSIKINDUSTRIE ÜBERHAUPT NOCH GELD DAMIT? Ja, das witzige ist, früher verdiente man weniger Geld als jetzt, da jeder Künstler dachte, zu den großen Major-Labels zu müssen. Die Dynamik geht dahin, Independent Labels zu gründen. Es gibt Vertriebe, zum Beispiel Believe in Hamburg, die einen Song innerhalb von 24 Stunden auf Spotify und Co. bereitstellen können, das geht bei den Großen nicht. Gerade für Newcomer macht es keinen Sinn mehr, klassische Alben raus zu bringen, sondern die müssen eher Singles mit Videoauskopplungen rauspumpen. Damit möglichst viele Songs in individuellen Playlists landen. ALSO DAS HEISST, DU BEKOMMST VON SPOTIFY LETZTENDLICH DEIN GELD ÜBERWIESEN? Genau, ich lade bei Believe auf dem Server den Song hoch und lege das Release-Datum fest. Wenn der Song rauskommt, wird der auf 27 verschiede- nen Online-Shops angeboten. Spotify ist dabei am wichtigsten. HEISST DAS, DASS IHR ALS MUSIKER UND PRODUZENTEN NICHT- MEHR SO VIEL LIEBE IN DIE EINZELNEN SONGS STECKT? Doch, das auf jeden Fall, aber was immer mehr fehlt sind Konzeptalben, also mit einem schönen roten Faden, der sich durch jeden Song im Album zieht. Jetzt geht es mehr darum, dass die einzelnen Songs funktionieren. Früher hat man eine Platte aufgelegt und die durchgehört. Tiefgründige Musik findet quasi gar nicht mehr statt. Es geht meistens nur um Lifestyle, Drogen, Autos, Klamotten. Hauptsache leichte Themen. GUT ANALYSIERT. EIN BISSCHEN FRUSTRIEREND IST DAS ABER SCHON. Auf jeden Fall, aber das macht es uns einfacher, diese Art von Musik lässt sich schneller runter produzieren und releasen. Heute dauert es von der Produktion bis zum Release manchmal nur einen Monat. Früher hat das bis zu zwei Jahre gedauert bis einer auf der Platte war. ES GIBT VIELE PRODUZENTEN, DIE KEINE NOTEN LESEN KÖNNEN. Ich finde das eher gut, dann weißt du, dass sie das nach Gefühl gemacht haben. Im Endeffekt soll Musik ja Gefühle transportieren. Wenn es sich gut anfühlt, ist es richtig. WIE IST DENN DAS IN DER HAMBURGER RAP-SZENE? So wie es jetzt ist, war es noch nie. Gerade 187 haben da echt einen Weg geebnet, was das Ansehen für Hamburg im HipHop-Bereich betrifft. VERMUTEST DU, DASS EIN SONG DER IRGENDETWAS HAT, MEHR ERFOLG HAT, ALS FRÜHER? Ja, auf jeden Fall. Trotzdem muss es gut sein und was Besonderes haben. Ich bekomme viele Songs zugeschickt, davon klingen leider viele genau wie die aktuellen 187 / KMN / Raf Camora Songs. Ein Song muss immer eine eigene Note haben. Ein paar sind dabei, die nur ein bisschen Feinschliff und Erfahrung bräuchten. WAS SIND DENN EURE KRITERIEN FÜR EINEN NEUEN KÜNSTLER BEI EUCH? Da entscheidet nur das Gesamtpaket. Mir ist wichtig, dass ich das Produkt verstehe. Es muss mich abholen und erreichen. SINCH IM INTERVIEW Geboren in Sao Paulo, aufgewachsen auf St. Pauli. Als Kind der 90er erlebte er die ersten Schritte des deutschen Raps durch Die Beginner und Samy Deluxe hautnah mit. Damals auf dem Kiez, als sie gemein- sam auf den Straßen ihre Zeit verbrachten und von der großen Karriere träumten, entschloss sich SiNCH, mit fetten Beats seinen Beitrag zur Hamburger HipHop-Szene beizutragen. Für ihn ist es eine Herzensan- gelegenheit, die Jugend dabei zu unterstützen, selbst ihre musikalische Karriere zu starten. © St. Pauli State College

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